Europäisches Überleben

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Die Niederungen der katholischen Moral

Religionen und LaizitätPosted by Cleodiensis 2010-03-14 18:05:43

Ein jahreszeitlich echt passend eisiger Wind weht durch den deutschsprachigen Katholizismus. Nicht nur durch den deutschsprachigen, sondern eben auch, und zwar gerade dann, wenn ein Papst aus Deutschland das Zepter in der Hand hält und der katholischen Kirche eine Leitung antut, die gelinde gesagt für gemischte Gefühle sorgt – weniger diplomatisch: für starke Polarisierung.

Mir persönlich ist die katholische Kirche insofern einerlei, als ich ihr nicht angehöre, also brauche ich die Archaismen nicht verantworten, die diese Institution, allerlei Abspaltungen zum Trotz, mit sich schleppt. Die fossilen Schauermärchen, die jetzt so nach und nach ans Tageslicht kommen, stammen etwa aus meiner Studienzeit im vulgärkatholisch-rheinischem Aachen. Damals stärkte ich mein Dasein als fröhlicher Heide am Umgang mit „solchen und solchen“ Christen, das ging von Taizée-Pilgern bis zum angehenden Priester, alles Männlein wie Weiblein ganz richtig im Kopf, nachdenklich, mit rücksichtsvollem Umgang, mit dem Herzen am richtigen Fleck und mit erwachsener Sexualität. Das war denn auch das schöne kritische Jahrzehnt der Nach-68ern. Interessanterweise waren diese Kommilitonen mit Anhang denn katholisch und protestantisch gemischt. Unter Johann XXIII. ging das ja noch einigermaßen. Diese Leute habe ich nach und nach aus dem Augen verloren, sie wussten ja, dass ich Religion mit meinem Denksystem nicht vereinbaren konnte, ich ließ später dann in Bonn fortbilden, insofern ging man auch geographisch auseinander…

Schade um die katholische Kirche: Es ist nicht so, dass ihr Alternativen nicht angeboten worden wäre, vom Schisma über Luther bis zu Altkatholiken. Aber auch „Bischoff“ Lefèvre in der Schweiz und die große „katholische“ Alternative überhaupt, die anglikanische Kirche, die allerdings erlebt jetzt so langsam ihre Spaltung und der Gendarmensohn aus bigotter bayerischer Familie und große Lenker über 400 Hektar denkmalgeschütztes Baumland und schätzungsweise 1,147 Milliarden römisch-katholisch funktionierende Gottgläubige setzt nun ein umfassendes Manöver ein, um die Fundamentalisten aus allen Horizonten unter seine Fittiche zu sammeln – von der Piusbrüderschaft bis hin zu den frauenfeindlichen Anglikanern. Strikt, frauenfeindlich, gläubig.

Ändert man die Vorzeichen und tauscht man die Talare mit Frack, weißen Handschuhen, Bijou und Zylinderhut, könnte man sich wie bei der Vereinigten Großloge von Deutschland vorkommen, die gegenüber London auf hundertfünfzigprozentig macht und alles Weibliche in ihrem Bereich für Fake und Plagiat hält. Dank damaliger Besatzergnade ist es diesen Herren gelungen, die Vorstellung bei deutschen Frauen populär zu machen, Freimaurerei sei nichts für sie – in einem Land, wo es eine gemischte Obödienz seit 1921 gibt, das aber mal nur am Rande…

Ja, bei Sepp aus Marktl läuft’s anscheinend einigermaßen ähnlich. Nur geht es bei der katholischen Kirche nicht darum, am eigenen rauen Stein zu arbeiten, sondern an der Verbreitung eines hehren Dogmengebäudes und einer durch die Jahrhunderte zementierten Moraltheologie.

Die katholische Moral steht auf tönenden Füßen. Wer sich davon noch überzeugen soll, sollte doch mal den Weg von Escriba de Balaguer lesen, 999 Sprüche, die mir damals abendfüllende Gelächter bereitet haben, passten sie doch so gut in die Atmosphäre, wo nach Otto Weininger schärfstens zwischen M und W getrennt wurde. Da stand irgendwann wohl noch der weise Spruch: Sei ein Mann, sei ein Engel.

Na habe die Ehre! Vielleicht ein ejakulierfähiger, aber wenn man ihm das passende Komplementäre verweigert, kann es eben nicht gut gehen! Die so schief konstituierte Männerwelt blieb also unter sich. Ein Ausweg, aber sicher kein Ghörtsich!

Das Priesterzölibat sei heilig! I wo? Im Matthäusevangelium 19,12, empfiehlt es Jesus seinen Jüngern (und das Nichterwähnen, bis zum apokryphen Phillipsevangelium aus späterer Zeit, einer eheähnlichen Lebensgemeinschaft Jesu wird natürlich so interpretiert, als hätte es eine solche nie gegeben, wie praktisch!), im Kanon 277 des Codex Iuris Canonici ist es vorgeschrieben, aber Gottes Gebot ist es nicht, und das weißt die Kirche ganz genau. Was dem einen sein Kopftuch scheint dem anderen sein Zölibat zu sein. Beide diskriminierende gesellschaftlich relevante Erscheinungen haben eins gemeinsam: Sie stigmatisieren und verrenken die gesellschaftlichen Verhältnisse ungemein!

Wenn Mohammed heute mit Aischa umgegangen wäre, wie er es tat, stünde er als Pädophil vor Gericht. Ein Glück, dass die katholischen „Aischa’s“ noch zu Lebzeiten von der damals totgeschwiegenen Praxis berichten können. Auch die archaischen Erziehungsmethoden des ach wie integren Georg R., der jetzt möglicherweise zur Strafunfähigkeit ergreisen durfte wie anno dunnemals manche Naziverbrecher, unterhalten die Polemik, auch wenn dies möglicherweise mit den homosexuellen Vergehen hinter den dicken Mauern nichts zu tun hat. Die Verbindung stellt sich schnell her, wenn man bedenkt, was für Patzer sich Benoît Très Étroit, wie er im französischsprachigen sekularistischen Kreisen – eben „Benedikt Sehr Eng“, nach „Benedikt XIII-und-III“ – höhnisch tituliert wird, schon mal erlaubt hat. Da sage ich ja nur mal „Yahunde“ dazu, oder seine lateinamerikanische Eskapade, wo er die Conquista faktisch als Reinigung darstellte.

Ja, vor so viel Archaismus kann ich nur auf die mutige Tat eines seiner Vorgänger verweisen, dessen Vorbild er bitte doch mal folgen sollte, nämlich Zölestin V. im Jahre 1297: Er dankte ab.

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