Europäisches Überleben

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Europäisches Überleben - Deutsch

Siehe auch mein wallonisches Tagebuch in französischer Sprache http://iloapp.vaessen-online.eu/blog/blog-wa?Home#niceURL

Angst als Treibfeder?

Staat und GesellschaftPosted by Cleodiensis 2010-11-01 20:44:55

Wann entstand der Begriff politically correctness?

In Europa hat er jedenfalls weit nach der 68-er Bewegung Fußgefasst. Er kam mit leisen Tönen daher. Ende der 70er Jahre gab es ihn nicht, dafür aber das - nicht aus "Usa" importierte - Wort Ausgewogenheit. So landeten die Träume der 70er Jahre in die harte Wirklichkeit der damaligen westdeutschen Gesellschaft, als jene Studentengeneration händeringend nach einem Job suchten und zunächst einmal durch die Kaudinischen Furchen der Anpassung ("Lieber Herrgott mach mich krumm, dass ich in den Staatsdienst kumm!"). Ausgewogen hieß ganz simpel: Drücke dich immer unter der Berücksichtigung aus, dass man auch anderer Meinung sein kann. Diese Parole erschien mir nachträglich als durchaus historisch logisch: Erst die Ausgewogenheit, dann 1983 Helmut Kohl. Unter seinem Regiment agierten dann die aalglatten Kommunikatoren,, die stets das Richtige zu sagen wissen,

Damals zählte Deutschland schon ziemlich viele Türken, aber der Archaismen nicht genug: Deutsche nach Art. 117 GG gab es viele jenseits des eisernen Gartenzauns, die der Mainzer Doktor brauchte genehmen Wählerbestand (oder soll ich da gleich "Stimmviehbestand" schreiben - geht ja auch!). Also her mit den Deutschrussen, den Deutschrumänen, ach wie viele Nachweisunterlagen mit deutschen Stempeln aus einem anderen "Jahrtausend" wurden da nicht vorgeschwungen, um ja ins gelobte "IV. Reich" zu gelangen. Bei einer so nach Bayern eingewanderten Familie fand man dann der Wohnzimmerwand drei Gemälden: Otto von Bismarck, Wilhelm II. und Franz-Josef Strauß! Na gut, Kommunisten waren sie nicht...

Von 1973 bis 1989 habe mich in Deutschland - in ganz Deutschland wohlgemerkt - angstfrei bewegen können. Den großen Machtdemonstrationszirkus in Oebisfelde habe ich immer mit dezentem Schmunzeln erlebt und fuhr trotzdem mit Affengeldscheinen hinterm Unterhemd versteckt westwärts heim. Im kleinen Grenzverkehr, den ich am Ende benutzte, um aus dem Zwangsumtausch soviel wie möglich Gewinn zu erzielen und die Reise gleich "hinten" fortzubezahlen, fiel ich schon deswegen angenehm auf, weil ich der einzige jüngerer Bauart, und dann auch noch mit einem anderen als einem westdeutschen Pass daherkam, den hübschen altmärkischen Landpomeranzen mit damals fast nicht mehr modischen Miniröcken, die da die Kontroleusen spielten, war das schon eine angenehme Abwechslung...

Also nichts Angsteinjagendes, würde ich meinen. Natürlich wusste ich auch über weniger erfreuliche Tatsachen aus dem Arbeiter- und Mauernstaat...

Ausgewogenheit bedeutete aber auch, dass noch in einem freien Raum Gedanken ausgetauscht wurde. Die Ost-West-Auseinandersetzung, die an den westdeutschen Unis im Kleinen ausgetragen wurde - mal vom Freistaat Bayern abgesehen, wo bekanntlich Strauß nicht zu stoppen war - war vielleicht ein Grabenkrieg, aber ein rein politischer, intellektueller. Das verhinderte nicht, dass zuweilen eine eingestandene Spartakus-Anhängerin doch mit ihrem RCDS-Freund in die Heia ging... (Und wir schmunzelnd dazu: "Bluadschande, aber anders!").

Währenddessen entwickelten sich die Kommunikatoren weiter. Im Französischen machte ein Begriff die Runde: "la langue de bois", eine Exportformulierung aus dem Russischen - wo es eigentlich "Eicherne Sprache" heißt -.

Im Deutschen hätte es ja keiner Exportbezeichnung bedurft, die heimische Geschichte hatte Europa immerhin mit dem Dr. Goebbels und seiner "Sprachregelung" "beglückt", also hier ausnahmsweise mal kein Neudeutschbedarf... Aber den politically correctness gab es in "Usa" schon. Da ging es um die Kunst, rassenunterscheidende Kriteria möglichst smoothly, lies, schmerz- und zahnlos doch auszudrücken, ohne es aber getan zu haben. Sehr populär umschrieben würde ich mal diese Kunst mit der Frage bezeichnen: "Wie poppt man mit anner Hose?"

Tja, det mössen Se net mëch fraaren, det wéis ëch ou net!

Warum ich hier sprachlich abrutsche? Eben, weil es sich anscheinend um ein Urgefühl handelt, dessen Existenz man sich und den anderen nicht gerne zugibt - oder vielleicht nach langem inneren Kampf auf der Psychiatercouch -, nämlich man hat Schiss. Schiss vor dem Andern, Schiss vor der Norm, Schiss vor "wat Falschet zu saaren". Wozu führt das bitteschön?

Zu den Blondinenwitzen - die ursprünglich als Satire erfunden wurde (weil den Blonden nun wirklich nichts Besonders nachzusagen war und ist!) und selber... zum hochnotpeinlichen Diskriminationsfall wird - siehe meine scherzhafte Einlassung über die litauische Firma Ohlialia, die diese Diskrimationsmasche nun total umzukehren versucht und mit den EU-Antidiskriminierungsbehörden in Clinch zu geraten drohen.

Die US-Amerikaner haben natürlich eine große Leiche im Keller, genannt Rassendiskriminierung, und eine Menge unschöne Bezeichnungen für Schwarzhäutige grassierten anscheinend immer noch herum, vermutlich auch für Dunkelhäutige aus Südamerika (darunter die ekelhafte Bezeichnung "cacamericana"). In Europa hatte man das ja nicht nötig, hatten wir doch schon unsere Portion an sprachlichen Begradigungsmitteln aller Arten.

Mit der nächsten Generation und der Geburtenfreundlichkeit der Freitagsanbeter bündelten sich "langue de bois", "Sprachregelung" und "politische Korrektheit" geradezu zu einer gewaltigen Sprachkastrierung erster Güte, von dem Augenblick nämlich, wo die neuen Meinungsträger mit dem Faust die Oberhoheit der Religion in die Arena schlug und jede intellektuelle Debatte zum Schweigen bringen wollte.

In einer Sendung des französischen Fernsehens versuchte sich der SPD-MdEP Martin Schulz wieder einmal in der Kunst, als heutigen Stand darzustellen, was längst überholt ist: In einer Sendung über die Gründe für die europaweite Ausbreitung des sogenannten Populismus - Sie wissen hoffentlich, was das ist? In der Demokratie soll sich Volkes Stimme frei äußern können, tut sie das aber, ist es Populismus und das ist nicht schön. Soweit das schräge Verhältnis zwischen Demokratie und dem Nietzsche'schen Begriff der Umwertung aller Werte... - beschörte unser lieber Genosse eine heile Welt des Dialogs und des verständnisvollen Miteinander, des fruchtbaren Austausch unter Gleichen...

Hallo, guten Morgen!

Nicht nur in der Sure 9,5 verkündet der Koran, dass der Ungläubige entweder sterben oder sich bekehren sollte. Da ist es aber mit intellektuellen Salondisputen nicht mehr getan. Das offizielle Deutschland, die von Gutmenschen orchestrierte veröffentlichte Meinung haben Angst. Der antifaschistische Urreflex des guten Deutschen ähnelt dem seines Urgroßvaters während der Jahre der verhassten sog. Systemzeit, als die Sirenen der NSDAP scheinbar ein modernes, angstfreies, vermögendes neues Zeitalter für den Deutschen versprach, eine schöne Rhetorik und ein Ritual von Sauberkeit und Ordnung entfaltete, ein scheinbar geschlossenes Denksystem vertrat und letztendlich das demokratische Deutschland "herumkriegte".

Wähle Hitler, und alles wird besser. Das klingt schon fast wie das, was ich so auf manchen moslimischen Webseiten lese: "Mach Dich bekannt mit dem Islam, bekehre Dich!" oder noch klarer: "Werde Moslim, und alles ist einfacher".

Ich kann die Kehrtwendung der Linken nur mit der Angst - und natürlich ideologisch mit ihrem inbrunstigen Kapitalismushass - erklären: Systemimmanent betrachtet hat die DDR damals die Bedingungen für eine optimale Entwicklung der Stellung der Frau geschaffen, für ihre Gleichberechtigung, ihre Gleichbehandlung und ihre völlige Eingliederung ins Arbeitsleben. Immer noch systemimmanent ist es diesem Staat gelungen, intellektuell hochwertige Arbeitnehmer (ihre damalige Sprache: Werktätige) heranzubilden und zu beschäftigen (auf die Gefahr hin, freilich, dass die herangezüchtete Hochintelligent sich dann die Brüche im DDR-System vornahmen, Stichname Rudolf Bahro). Die gleichen Linken, die den roten Dreieck der KZ-Lager als Mahnzeichen tragen, kollaborieren nun mit Negationisten und Frauenunterdrückern hinter deutschen (und türkischen) Fassaden und stolpern vom einen Relativismus zum anderen ohne zu merken, wie sehr sie roh aufgefressen werden.

Ich kann es nur mit ihrer Angst erklären, dass sie mit gestrigen Parolen weggucken, derweilen das Mittelalter wieder in Europa einzieht, einer globalgesellschaftlich agierenden Religion Vorschub leisten, die den Holocaust leugnen, um auf diese Weiser noch besser Israel "aus der Weltkarte ausradieren zu können", wie Ahmadinedschad laut sagt und Millionen von Moslims denken, die freilich nie dort gewesen sind. Wie lässt sich die radikale Wertumkehrung sonst erklären?








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